Die unbewussten Stereotype hinter unserem Führungsbild
Warum gibt es noch immer so wenige Frauen in Führungspositionen? Unbewusste Stereotype beeinflussen, wer als Führungskraft wahrgenommen wird. Die Psychologie erklärt, warum wir bis heute Frauen benachteiligen.
Warum kommen noch immer so wenige Frauen in eine Führungsposition?
KI, Streaming, Homeoffice – Fortschritt überall. Nur bei einem Thema scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Frauen in Führungspositionen. Seit 2014 herrscht Stillstand: Nicht einmal jede dritte Führungskraft ist eine Frau. Dabei sind heute fast genauso viele Frauen wie Männer erwerbstätig.
Ein Teil der Antwort liegt in strukturellen Problemen wie der ungleichen Verteilung von Carearbeit. Doch selbst wenn diese Hürden verschwinden würden, gäbe es noch einen weiteren Grund: Unbewusste psychologische Stereotype darüber, wie Führung aussieht.
Das Thema ist hochaktuell – und gleichzeitig schwer zu begreifen. Selbst die Tagesschau berichtet darüber und schreibt: „Seit 2014 gibt es praktisch keinen Fortschritt beim Anteil der weiblichen Führungskräfte in deutschen Chefetagen.“ Der Anteil von Frauen in Führungspositionen liegt in Deutschland aktuell bei rund 29 %. Zitiert wird unter anderem Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI). Sie betont, dass Frauen in ihren Karriereoptionen behindert würden, weil Erwerbsarbeit oft schwer mit Sorgearbeit vereinbar ist – und diese noch immer überwiegend von Frauen geleistet wird.
Diese strukturellen Hürden sind real. Doch selbst wenn die Rahmenbedingungen für alle gleich wären, würde das Problem wahrscheinlich nicht vollständig verschwinden.
Wir unterliegen einer Verzerrung: Führung wird mit männlichen Eigenschaften verknüpft.
Die Psychologie zeigt: Selbst wenn Männer und Frauen die gleichen Voraussetzungen hätten, würden noch immer zu wenige Frauen in Führungspositionen gelangen. Der Grund liegt in einer kognitiven Verzerrung – also einer unbewussten Denkschablone, die unser Urteil beeinflusst. Unser Kopf verknüpft Führung noch immer mit stereotyp männlichen Eigenschaften. Studien zeigen, dass viele Menschen „Führung“ automatisch mit Eigenschaften verbinden wie Dominanz, Durchsetzungsstärke und Sichtbarkeit. Sie werden als sogenannte agentische Eigenschaften beschrieben, also Eigenschaften, bei denen es darum geht, handlungsorientiert zu sein: Zielgerichtet und eigenständig in eine Handlung zu gehen.
Eigenschaften, die traditionell als „weiblich“ gelten – etwa Empathie, Kooperation oder Fürsorge – werden dagegen häufig nicht mit Führung assoziiert. Es sind sogenannte kommunale Eigenschaften. Also solche, bei denen es darum geht, gemeinschaftsorientiert zu handeln. Das Problem: Dadurch werden Frauen unbewusst seltener als geeignet für Führungspositionen wahrgenommen, selbst wenn sie die gleichen Kompetenzen besitzen.
Da das Thema so relevant ist, ist es nicht nur hier auf dem Blog zu finden, sondern war auch eine Session beim BusinessCamp Bonn 2026, anbei ein paar Einblicke:


Studien zeigen: Gute Führung braucht weibliche Eigenschaften.
Führungsforschung zeigt schon seit Jahrzehnten, dass erfolgreiche Führung mehr als Dominanz erfordert. Ein Beispiel ist das Konzept des Servant Leadership. Hier stehen Empathie, Zuhören und die Unterstützung des Teams im Mittelpunkt. Gerade in modernen Arbeitsformen mit agilen Teams, Wissensarbeit und hoher Komplexität funktionieren solche Führungsansätze besonders gut. Viele der Fähigkeiten, die häufig als „weich“ gelten, sind in Wirklichkeit entscheidende Führungskompetenzen.
Entsprechend zeigt sich, dass das traditionell männliche Bild von Führung bis heute wirkt. Es führt dazu, dass Frauen sich Führungsrollen weniger zutrauen, häufiger übersehen werden – und Chefetagen weiterhin überwiegend männlich geprägt sind. Dabei zeigt die Forschung immer wieder: Wer als Führungskraft wahrgenommen wird ≠ wer am besten führt.
Es ist Zeit, unser Bild von Führung zu aktualisieren: für mehr Frauen in Führungspositionen, mehr Vielfalt in Unternehmen und ein gesünderes ArbeitsLeben.
Zusammenfassung: „Warum gibt es noch immer wenige Frauen in einer Führungsposition?“
- Strukturelle Hürden wie die Vereinbarung von Kind und Karriere
- Stereotyp männliche Vorstellungen von Führung
- Unbewusste Wahrnehmungsverzerrungen
Solange Führung automatisch mit „männlichen“ Eigenschaften verbunden wird, bleiben Frauen systematisch im Nachteil – selbst wenn sie die gleichen Kompetenzen besitzen.
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Quellen
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Badura, K. L., Grijalva, E., Newman, D. A., Yan, T. T., & Jeon, G. (2018). Gender and leadership emergence: A meta-analysis and explanatory model. Personnel Psychology, 71, 335–367. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/peps.12266
Eagly, A. H., & Karau, S. J. (2002). Role congruity theory of prejudice toward female leaders. Psychological Review, 109(3), 573–598. https://psycnet.apa.org/buy/2002-13781-007
Greenleaf, R. K. (1998). The power of servant-leadership. Berrett-Koehler Publishers.
MacLaren, N. G., Yammarino, F. J., Dionne, S. D., Sayama, H., & Mumford, M. D. (2020). Testing the babble hypothesis: Speaking time predicts leader emergence in small groups. The Leadership Quarterly, 31, 101409. https://psycnet.apa.org/record/2020-20822-001
Tagesschau, 2025. Zahl der Frauen in Chefetagen stagniert. https://www.tagesschau.de/wirtschaft/arbeitsmarkt/frauen-fuehrungspositionen-deutschland-eu-100.html
