Wir schauen auf KI und müssten eigentlich ganz woanders ansetzen
Was ich aktuell beobachte, ist der enorme Druck, sich weiterzubilden, Schritt zu halten und im Umgang mit KI nichts zu verpassen. Das macht auch Sinn: KI wird zunehmend ein integrativer Bestandteil unseres Arbeitslebens. Doch wenn wir über Führung und KI sprechen, geht es meist um Potenziale von KI, um Entscheidungen und Aufgaben, die an KI delegiert werden können, und um KI als Wettbewerbsvorteil. Doch genau hier entsteht ein blinder Fleck: Wir sprechen über Technologie – aber zu wenig über die Menschen, die diese Veränderung tragen müssen. Gerade als Arbeitspsychologin frage ich mich daher: Vergessen wir nicht etwas ganz Elementares?
Veränderungen passieren nie technisch – sie brauchen die psychologischen Grundlagen.
Diese Frage verschiebt den Blick. Abseits der Frage, wo und wie wir KI nutzen wollen, stellt sich für mich eine andere, grundlegendere Perspektive: KI im Unternehmen bedeutet, dass sich Arbeitsplätze verändern. Dass Unsicherheit entsteht. Dass Rollen neu gedacht werden müssen. Dass Teams anders zusammenarbeiten. Es ist eine tiefgreifende Veränderung, die weit über eine reine Integration von KI hinausgeht.
Und genau hier liegt der entscheidende Punkt: Diese Veränderung passiert nicht technisch – sie passiert psychologisch.
Entsprechend rückt für mich der Blick auf den Menschen in der Veränderung in den Fokus: Was brauchen Teams, Mitarbeitende und auch Führungskräfte selbst, um diesen Wandel überhaupt mitgehen zu können?
Mitarbeitende haben es mit stetig steigenden Anforderungen zu tun. Um diese zu bewältigen, braucht es Ressourcen.
Hier finde ich das Job-Demands-Resources-Modell sehr anschlussfähig. Es ist ein klassisches arbeitspsychologisches Modell, das erklärt, was Menschen brauchen, um gut arbeiten zu können. Im Fokus stehen dabei Job-Ressourcen (Resources) und Job-Anforderungen (Demands). Entsprechend der Name „Job-Demands-Resources-Model“. Um die negativen Auswirkungen von steigenden Anforderungen abzupuffern, braucht es entsprechende Ressourcen.
Wenn nun der Umgang mit KI uns vor neue Anforderungen und tiefgreifende Veränderungen stellt, brauchen wir also unterstützende Ressourcen. Wenn wir passende Unterstützung nicht bereitstellen, entsteht genau das Gegenteil von dem, was wir eigentlich intendieren. Menschen, die frustriert sind, verunsichert und erschöpft. Menschen, die gehen, anstatt sich für die neuen Chancen und Möglichkeiten zu engagieren.

Autorin des Textes
Über mich
DR. Jana Montasser
Ich bin Arbeits- und Organisationspsychologin mit dem Leitspruch ‹weniger reagieren, mehr gestalten›. In meiner Arbeit fokussiere ich auf Führung und Zusammenarbeit. Hier im Blog möchte ich mit Vorurteilen und falschen Ansprüchen über die Arbeitswelt aufräumen und stattdessen Einblicke in die Arbeitspsychologie geben.
KI und Führung ist eigentlich nicht die Frage. Sondern: Was braucht mein Team, um für Veränderung bereit zu sein?
Schauen wir auf Studien zu KI, sehen wir, dass die Anforderungen steigen: Mitarbeitende stehen unter Druck, sich anzupassen und neue KI-bezogene Kompetenzen zu entwickeln (https://link.springer.com/article/10.1007/s10869-024-09963-6). Auch Untersuchungen zum Umgang mit Robotik zeigen, dass Unsicherheit zunimmt und diese wiederum mit erhöhtem Burnout-Risiko zusammenhängt (https://psycnet.apa.org/buy/2023-05730-001). Beide Befunde verweisen damit auf ein gemeinsames Muster: Steigende technologische Möglichkeiten erhöhen nicht Leistungsfähigkeit, sondern zunächst psychische Belastung und Unsicherheit.
Und genau deshalb verschiebt sich die eigentliche Führungsfrage. Nicht „Was braucht es, um KI in der Führung nutzbar zu machen?“, sondern „Was braucht mein Team, um überhaupt bereit zu sein, darüber nachzudenken, wie KI integriert werden kann?“ Das ist eine Stufe davor – und genau diese Stufe wird in vielen Diskussionen übersprungen.
Ein erfolgreicher Wandel setzt bei Führungskräften an, die stark in ihrer menschlichen Führung sind.
Ich erlebe eine extreme Schnelligkeit, wie KI sich weiterentwickelt, und Druck, sich mit KI in der Führung auseinanderzusetzen, dass kaum Zeit für diesen Blickwinkel ist. Dabei wissen wir aus der systemischen Teamentwicklung: Durch Zeit- und Aufgabendruck entsteht eine starke Fokussierung auf Aufgaben. Je stärker diese wird, desto mehr geraten Zusammenarbeit, Abstimmung und Teamdynamik aus dem Blick.
Und genau hier kippen viele Veränderungsprozesse – nicht an der Technik, sondern an der Überlastung der Menschen.
Es geht also darum, die eigenen Führungswerkzeuge bewusst einzusetzen – mit starkem Fokus auf die Mitarbeitenden –, um den Boden für Wandel und Veränderung überhaupt erst zu bereiten.
Wenn wir diesen Perspektivwechsel ernst nehmen, verändert sich der Grundgedanke bei KI und
Zusammenfassung: KI und Führung: Der blinde Fleck im digitalen Wandel der Arbeitswelt
- Wir setzen bei der KI-Diskussion bei der Technologie an und vergessen etwas Entscheidendes: Den Menschen, der den Wandel mittragen muss.
- Führung und KI bedeutet als erstes das Team bereit zu machen, um mit Veränderungen umzugehen.
- KI in Organisationen zu integrieren ist eine Aufgabe, deren Erfolg extrem stark von guter Führung abhängt. Führung, die nicht als erstes an KI denkt, sondern an den Menschen im Wandel.
Newsletter
Neue Impulse abonnieren
Du möchtest neue Impulse direkt in dein Postfach? Dann melde dich hier zu meinem Newsletter an.
Ganz unverbindlich und wenn’s dir zu viel wird, jederzeit wieder abbestellbar.
Quellen
Bakker, A. B., & Demerouti, E. (2007). The job demands‐resources model: State of the art. Journal of managerial psychology, 22, 309-328. https://www.emerald.com/jmp/article-abstract/22/3/309/236386/The-Job-Demands-Resources-model-state-of-the-art
Wu, TJ., Liang, Y. & Wang, Y. (2004). The Buffering Role of Workplace Mindfulness: How Job Insecurity of Human-Artificial Intelligence Collaboration Impacts Employees’ Work–Life-Related Outcomes. J Bus Psychol, 39, 1395–1411. https://link.springer.com/article/10.1007/s10869-024-09963-6
Yam, K. C., Tang, P. M., Jackson, J. C., Su, R., & Gray, K. (2023). The rise of robots increases job insecurity and maladaptive workplace behaviors: Multimethod evidence. Journal of Applied Psychology, 108, 850. https://psycnet.apa.org/buy/2023-05730-001